LEONORE

Urfassung des FIDELIO von 1805
Oper in drei Akten
Musik von Ludwig van Beethoven (1770-1827)
Libretto von Joseph Sonnleithner nach
Jean Nicolas Bouillys Drama "Leonore"
Uraufführung: 1805, Theater an der Wien


BESETZUNG

Don Fernando, Minister - Bariton
Pizarro, Gouverneur eines Staatsgefängnisses - Bariton
Florestan, Gefangener - Tenor
Leonore, seine Gemahlin - Sopran
Rocco, Kerkermeister - Ba▀
Marzelline, seine Tochter - Sopran
Jaquino, Pförtner - Tenor
Erster Gefangener - Tenor
Zweiter Gefangener - Ba▀


Akt I
Akt II
Akt III



AKT I

Der Hof des Staatsgefängnisses

ERSTER AUFTRITT


MARZELLINE
(sieht sich jedesmall, wenn gepocht wird, nach der Tür um)
Fidelio kommt nicht zurück!
Es ist kein Wunder; er hat so viel zu laufen,
so viel zu bestellen. Seit einiger Zeit hat
es der Junge schwer. - Heute muß mein Vater
endlich den Tag uns'rer Hochzeit festsetzen. -
Wir wollen unser kleines Hauswesen so hübsch einrichten,
so hübsch! Fidelio bleibt Schlüsselträger
und hat die Anwartschaft auf meines Vaters Dienst,
und ich, ich wasche für die armen Gefangenen.
Da wird es immer vollauf zu verdienen geben.
Ach wär' die Zeit schon da!

Nr. 1 Arie

MARZELLINE
O wär' ich schon mit dir vereint,
und dürfte Mann dich nennen !
Ein Mädchen darf ja, was es meint,
zur Hälfte nur bekennen !
Doch wenn ich nicht erröten
muß ob einem warmen Herzenskuß,
wenn nichts uns stört auf Erden.
Die Hoffnung schon erfüllt die Brust
mit unaussprechlich süßer Lust;
wie glücklich will ich werden!
In Ruhe stiller Häuslichkeit
erwach' ich jeden Morgen,
wir grüßen uns mit Zärtlichkeit,
Der Fleiß verscheucht die Sorgen.
Und ist die Arbeit abgetan,
dann schleicht die holde Nacht heran,
dann ruh'n wir von Beschwerden.
Die Hoffnung schon erfüllt die Brust
mit unaussprechlich süßer Lust;
wie glücklich will ich werden!

JAQUINO
Wenn ich diese Tür nicht heute schon
zweihundert Mal aufgemacht habe, will ich nicht
Jaquino heißen. - Endlich kann ich wieder
mit Marzelline reden. -
(Man pocht) Zum Wetter! Schon wieder! Kann ich
denn von der Tür nicht wegkommen?

MARZELLINE
Ohne Zweifel will er mir wieder die Ohren von seiner
Liebe vorschwatzen. Ich muß ihn ein für alle Mal
abweisen, sonst läßt er wich nie in Ruhe.

JAQUINO
(Indem er hervorgeht)
Nun soll uns niemand mehr stören.


Nr. 2 Duett

JAQUINO
Jetzt, Schätzchen, jetzt sind wir allein,
Wir können vertraulich nun plaudern.

MARZELLINE
Es wird ja nichts Wichtiges sein,
ich darf bei der Arbeit nicht zaudern.

JAQUINO
Ein Wörtchen, du Trotzige, du!

MARZELLINE
So sprich nur, ich höre ja zu.

JAQUINO
Wenn du mir nicht freundlicher┤ blickest,
so bring┤ ich kein Wörtchen hervor.

MARZELLINE
Wenn du dich nicht in mich schickest,
verstopf ich mir vollends das Ohr.

JAQUINO
Ein Weilchen nur höre mir zu,
dann lass┤ ich dich wieder in Ruh┤.

MARZELLINE
So hab┤ ich denn nimmermehr Ruh┤;
so rede, so rede nur zu!

JAQUINO
Ich, ich habe habe zum Weib dich gewählet,
verstehst du?

MARZELLINE
Das ist ja doch klar!

JAQUINO
Und, und wenn mir dein Jawort nicht fehlet,
was meinst du?

MARZELLINE
So sind wir ein Paar.

JAQUINO
Wir könnten in wenigen Wochen...

MARZELLINE
Recht schön, du bestimmst schon die Zeit.

(Man pocht)

JAQUINO
Zum Wetter das ewige Pochen,
da war ich so herrlich im Gang,
und immer entwischt mir der Fang !

MARZELLINE
So bin ich doch endlich befreit!
Wie macht seine Liebe mir bang,
es werden die Stunden mir lang.

(Jaquino öffnet die Pforte und nimmt ein
Paket entgegen)


MARZELLINE
Ich weiß, daß der Arme sich quälet,
es tut mir so leid auch um ihn!
Fidelio hab' ich gewählet,
ihn lieben ist süßer Gewinn.

JAQUINO
Wo war ich? Sie sieht mich nicht an!

MARZELLINE
Da ist er - er fängt wieder an!

JAQUINO
Wann wirst du das Jawort mir geben?
Es könnte ja heute ja heute noch sein.

MARZELLINE
O weh! Er verbittert mein Leben !
Jetzt, morgen und immer, nein, nein!
Ich muß ja so hart mit ihm sein!

JAQUINO
Du bist doch wahrhaftig von Stein,
kein Wünschen, kein Bitten, geht ein.

MARZELLINE
Ich muß ja so hart mit ihm sein,
jetzt, immer, und immer nein, nein!
er hofft bei dem mindesten Schein.

JAQUINO
So wirst du dich nimmer bekehren?
Was meinst du?

MARZELLINE
Du könntest nun geh'n!

JAQUINO
Wie?
Dich anzusehn'n willst du mir wehren?
Auch das noch?

MARZELLINE
So bleibe hier steh'n!

JAQUINO
Du hast mir so oft doch versprochen.

MARZELLINE
Versprochen? Nein, das geht zu weit!

JAQUINO
Zum Henker das ewige Pochen!

MARZELLINE
So bin ich doch endlich befreit!
Das ist ein willkommener Klang,
es wurde zu Tode mir bang.

JAQUINO
Es ward ihr im Ernste schon bang;
wer weiß, ob es mir nicht gelang.

MARZELLINE
Höre, Jaquino. Ich muß dir rein heraus sagen
wie mir ums Herz ist. - Du bist ein guter Mensch. Gewiß
und wahrhaftig, Jaquino, aber wenn du heiraten willst,
mußt du dich nach einem anderen Mädchen umsehen.
Wir zwei taugen nun einmal nicht füreinander.

JAQUINO
Jetzt hör auf und laß mich reden. - Den letzten
Sommer habe ich von all der Ziererei nichts gesehen, da war ich
dein lieber Jaquino her, dein lieber Jaquino hin. - Aber seit
dieser Fidelio ins Haus gekommen ist, sieht man nur ihn, hört
man nur ihn, sucht man nur ihn, hat man nur von ihm den Kopf voll.

MARZELLINE
Ja, ich lieb' ihn, ich leune es nicht, und was das Schönste
ist, er liebt mich wieder - und wie er mich liebt!

JAQUINO
Schämst du dich nicht? - Einen Jungen liebst du, der, Gott
weiß woher kommt, von dem niemand weiß...

MARZELLINE
Man weiß recht gut, daß er Waise ist; er selbst macht
kein Geheimnis daraus; und was tut das zur Sache? Mit all dem wird
mein Mann werden, darauf kannst du dich verlassen, und recht bald
wird er mein Mann, recht bald.

JAQUINO
Und du meinst, ich werde das geschehen lassen? - Merke dir's, da
geschieht ein Unglück!


ZWEITER AUFTRITT

ROCCO
(kommt durch den Bogengang, den er hinter sich
zuschließt)

So habt ihr denn ewig miteinander zu zanken?

MARZELLINE
Er will, daß ich ihn liebe, da&zlig; ich ihn heirate;
sonst nichts, Vater.

JAQUINO
Ja, das will ich.

ROCCO
(zu Marzelline)
Und was sagst du denn dazu, Marzelline?

MARZELLINE
Daß mir eines so unmöglich ist als das andere.

ROCCO
Das ist bündig gesprochen. - Ich werd' eine einzige
gute Tochter haben, werde sie so gut gepflegt (streichelt
Marzelline am Kinn)
, mit so viel Mühe bis in ihr
sechzehntes Jahr erzogen haben, und das alles - für den
Herrn da! (Er faßt Jaquino lachend ins Auge.)
Nein, lieber Jacquino, - von einer Heirat zwischen euch ist
keine Rede, und überhaupt ist das Heiraten keine Sache, die
man so blind hin, ohne überlegung abtun kann.


Nr. 3 Terzett

ROCCO
Ein Mann ist bald genommen,
leicht nimmt man sich ein Weib,
doch nach dem Zeitvertreib
kann bald die Reue kommen,
ja, ja, die Reue kommen.
Ist euch das Ja entfahren,
ihr Kinder, merkt euch fein,
dann hilft nach langen Jahren
euch nimmer das Nein, Nein!

JACQUINO
Mir soll ja nichts entfahren,
bedächtlich schlag' ich ein,
als wir alleine waren,
da sprach sie nicht nein, nein!

MARZELLINE
Mir soll es nicht entfahren,
das Ja der langen Pein,
ich will mir Gram ersparen,
ich sage jetzt nein, nein!

ROCCO
Bei frischen roten Wangen
kann man wohl leicht erglüh'n.
doch läßt man sie verblüh'n,
verblüht auch das Verlangen,
ja, ja, auch das Verlangen.
Durch Eintracht nur der Herzen
kann man zufrieden sein,
mit Ernst ist nicht zu scherzen,
drum rat' ich euch, sagt nein.

JACQUINO
Das heißt den Satan schwärzen,
sie willigt nimmer ein.
Sie scheint mir nicht zu scherzen
sie sagt im Ernste nein.

MARZELLINE
Er spricht aus meinem Herzen,
Fidelio wird mein,
dann will ich ernstlich scherzen,
dann sag' ich nicht nein, nein!

ROCCO
Durch Eintracht nur der Herzen
kann man zufrieden sein,
mit Ernst ist nicht zu scherzen,
drum rat' uch euch, sagt nein.

JACQUINO
Das heißt den Satan schwärzen,
sie willigt nimmer ein.
Sie scheint mir nicht zu scherzen
sie sagt im Ernste nein.

MARZELLINE
Er spricht aus meinem Herzen,
Fidelio wird mein,
dann will ich ernstlich scherzen,
dann sag' ich nicht nein, nein!

ROCCO
Ist Fidelio noch nicht nach Hause gekommen?

MARZELLINE
Nein, Vater.
(Man pocht an die Pforte.)

JACQUINO
Ich komme schon, ich komme schon.

ROCCO
Er wird vermutlich beim Schmiede so langen haben warten
müssen.

MARZELLINE
Da ist er! Da ist er!


DRITTER AUFTRITT

Vorige, Leonore. (Auf dem Rücken trägt sie
ein Behältnis mit Lebensmitteln, auf dem Arm Ketten,
die sie beim Eintreten an dem Stübchen des Pförtners
ablegt, an der Seite hängt ihr eine blecherne Büchse
an einer Schnur.)


MARZELLINE
Lieber Gott, der Schweiß läuft ihm von der Stirne.

JAQUINO
Das war notwendig, so schnell aufzumachen,
den Patron hereinzulassen.

ROCCO
Mein armer Fidelio!

LEONORE
Ich muß gestehen - ich bin ein wenig müde. -
Der Schmied hatte an den Ketten auch so lange auszubessern,
daß ich meinte, es nehme gar kein Ende.

ROCCO
Sind sie jetzt gut gemacht?

LEONORE
O ja, recht gut und fest, ganz gewiß.
Keiner der Gefangenen kann sie zerbrechen.

ROCCO
Wieviel kosten sie alle zusammen?

LEONORE
Zwölf Piaster ungefähr. - Da ist die genaue Note

ROCCO
Gut! Brav! - Zum Wetter, da gibt es Artikel,
auf die wir wenigstens die Hälfte gewinnen können!

LEONORE
Ich tue, was mir möglich ist.

ROCCO
Ja, du bist ein wackerer Junge; ich habe dich auch mit
jedem Tage lieber, und sei versichert, dein Lohn soll
dir nicht ausbleiben.

LEONORE
O denkt nicht, daß ich meine Schuldigkeit nur
des Lohnes wegen -

ROCCO
Meinst du, ich kann dir nicht ins Herz sehen?


Nr. 4 Kanon (Quartett)

MARZELLINE
Mir ist so wunderbar,
es engt das Herz mir ein;
er liebt mich, es ist klar,
ich werde glücklich, glücklich sein.

LEONORE
Wie groß ist die Gefahr!
wie schwach der Hoffnung Schein!
sie liebt mich, es ist klar,
o namenloser Pein!

ROCCO
Sie liebt ihn, es ist klar,
ja, Mädchen, er wird dein,
ein gutes, junges Paar,
sie werden glücklich sein.

JAQUINO
Mir sträubt sich schon das Haar,
der Vater willigt ein,
mir wird so wunderbar,
mir fällt kein Mittel ein.

ROCCO
Höre, Fidelio, wenn ich auch nicht weiß,
wie und wo auf die Welt gekommen bist,
und wenn du auch gar keinen Vater gehabt hättest,
so weiß ich doch, was ich tue, - ich mache dich
zu meinem Tochtermann

MARZELLINE
Und das schon bald, lieber Vater?

ROCCO
Sobald der Gouverneur nach Sevilla gereist sein wird.
Dann haben wir mehr Muße, verstehst du mich?
- Du weißt ja, daß er alle Monate hinzureisen pflegt,
um über alles, was hier im Staatsgefängnis vorgeht,
Rechenschaft zu geben. In wenigen Tagen muß er fort,
und den Tag nach seiner Abreise geb' ich euch zusammen;
darauf könnt ihr rechnen.

MARZELLINE
Den Tag nach seiner Abreise! Das hast du recht vernünftig
gemacht, Vater!

LEONORE (sich freudig stellend)
Den Tag nach seiner Abreise!

ROCCO
Ihr habt euch doch recht herzlich lieb, meine Kinder?
- Nicht? Das ist aber noch nicht alles, was zu einem guten,
vergnügten Haushalt gehört, man braucht auch -
(er macht die Gebärde des Geldzählens)

Nr. 5 Arie

ROCCO
Hat man nicht auch Gold beineben,
kann man nicht ganz glücklich sein;
traurig schleppt sich fort das Leben,
mancher Kummer stellt sich ein.
Doch wenn's in der Tasche fein klingelt und rollt,
da hält man das Glück an dem Fädchen,
ein Amt, hohe Würden verschafft dir das Gold,
Juwelen und reizende Mädchen.
Das Glück dient wie ein Knecht für Sold,
es ist ein schönes, schönes Ding, das Gold, das Gold
Daß nur Gold im Beutel lache,
jedes Erdenglück ist dein,
Stolz und übermut und Rache
werden schnell befriedigt sein.
Drum ist auch Fortuna den Reichen so hold,
sie tuen ja nur, was sie wollen,
verhüllen die Handlungen künstlich mit Gold,
worüber sie schämen sich sollen.
Das Glück dient wie ein Knecht um Sold,
es ist ein mächtig Ding, das Gold, das Gold.

LEONORE
Ihr könnt das leicht sagen, Meister Rocco, aber ich,
ich behaupte, daß die Vereinigung zweier
gleichgestimmten Herzen die Quelle des wahren Glückes ist.
Freilich gibt es noch etwas, was mir nicht weniger kostbar sein
würde, - aber mit Kummer sehe ich, daß ich es trotz aller meiner
Bemühungen nicht erhalten werde.

ROCCO
Und was wäre denn das?

LEONORE
Euer Vertrauen. Verzeiht mir diesen kleinen Verweis,
aber oft sehe ich euch aus den unterirdischen Gewölben
des Schlosses ganz außer Atem und ganz ermattet
zurückkommen; warum erlaubt Ihr mir nicht,
euch hinzubegleiten? -

ROCCO
Du weißt doch, daß ich den strengsten Befehl habe,
niemanden, wer es auch sein mag, zu den Staatsgefangenen
zu lassen.

MARZELLINE
Es sind ihrer aber so viele in dieser Festung! -
Du arbeitest dich ja zu Tod, lieber Vater.

LEONORE
Sie hat recht, Meister Rocco. - Man soll allerdings seine
Schuldigkeit tun, aber es ist doch auch erlaubt,
mein' ich, zuweilen daran zu denken, wie man sich für die,
die uns angehören und lieben, ein bißchen schonen kann.
(Sie drückt eine seiner Hände in die ihrigen.)

MARZELLINE
(Roccos andere Hand an ihre Brust drückend)
Man muß sich ja für seine Kinder zu erhalten suchen.

ROCCO (sieht beide gerührt an)
Ja, ihr habt recht, diese schwere Arbeit würde mir
doch endlich zu viel werden. Der Gouverneur ist zwar
sehr streng, er muß mir aber doch erlauben, dich in die
geheimen Kerker mit mir zu nehmen.
(Leonore entwischt eine heftige Gebärde der Freude)
Unterdessen gibt es doch ein Gewölbe, in das ich dich
nie werde führen dürfen, obwohl ich mich ganz
auf dich verlassen kann.

MARZELLINE
Vermutlich, wo der Gefangene sitzt, von
dem du schon einige gesprochen hast, Vater.

ROCCO
Du hast's erraten.

LEONORE
Ich glaub', es ist schon lange her, daß er gefangen sitzt.

ROCCO
Es ist schon über zwei Jahre.

LEONORE
Zwei Jahre, sagt Ihr? Er muß ein großer Verbrecher sein.

ROCCO
Oder er muß große Feinde haben; das kommt ungefähr auf
eins heraus.

MARZELLINE
So hat man denn nie erfahren können, woher er ist, und wie er
heißt?

ROCCO
Ach, für unsereinen ist's am besten, so wenig Geheimnisse
als möglich zu wissen, darum hab' ich ihn auch nie ihn anhören
wollen. Ich hätte mich verplappern können, und ihm hätt'
ich auch nicht genützt, sondern vielmehr geschadet. -
Nun, er wird nicht mehr lange sich quälen müssen!
Es kann nicht mehr lange mit ihm dauern.

LEONORE
Oh Gott!

ROCCO
Seit einem Monat schon muß ich auf Pizarros Befehl
seine Portion kleiner machen. Jetzt hat er binnen
vierundzwanzig Stunden nicht mehr als zwei Unzen
schwarzes Brot und eine halbe Maß Wasser.

MARZELLINE
O lieber Vater, führe Fidelio ja nicht zu ihm,
diesen Anblick könnt' er nicht ertragen.

LEONORE
Warum denn? Man muß sich an alles gewöhnen -
besonders in unserem Stande. - O, ich habe Mut und Stärke.


Nr. 6 Terzett

ROCCO
Gut, Söhnchen, gut,
hab immer Mut,
dann wird dir's auch gelingen,
das Herz wird hart durch Gegenwart
bei fürchterlichen Dingen.

LEONORE
(mit Kraft)
Ich habe Mut!
Mit kaltem Blut
will ich hinab mich wagen;
für hohen Lohn kann Liebe
schon auch hohe Leiden,
hohe Leiden tragen.

MARZELLINE
Dein gutes Herz wird manchen
Schmerz in diesen Grüften leiden,
dann kehrt zurück der Liebe Glück
und unnennbare Freuden.

ROCCO
Du wirst dein Glück ganz sicher bauen,

LEONORE
Ich hab' auf Gott und Recht Vertrauen.

MARZELLINE
Du darfst mir auch ins Auge schauen;
der Liebe Macht ist auch nicht klein.

ROCCO
Du wirst dein Glück ganz sicher bau'n,
ja, ja, wir werden glücklich sein,
wir werden glücklich sein

LEONORE
Ich hab' auf Gott und Recht Vertrauen,
ja, ja, ja, ich kann noch glücklich sein,
ich kann noch glücklich sein.

MARZELLINE
der Liebe Macht ist auch nicht klein,
ja, ja, ja, wir werden glücklich sein,
wir werden glücklich sein.

ROCCO
Der Gouverneur,
der Gouverneur soll heut' erlauben,
daß du mit mir die Arbeit teilst.

LEONORE
Du wirst mir alle Ruhe rauben,
wenn du bis morgen nur verweilst.

MARZELLINE
Ja, guter Vater, bitt ihn heute,
in kurzem sind wir dann ein Paar.

ROCCO
Ich bin ja bald des Grabes Beute,
ich brauche Hilf, es ist ja wahr.

LEONORE
Wie lang' bin ich des Kummers Beute.
Du, Hoffnung, reichst mir Labung dar.

MARZELLINE
Ach! lieber Vater, was fällt Euch ein?
Ach! lieber Vater, was fällt Euch ein?

ROCCO
Nur auf der Hut, dann geht es gut, gestillt,
gestillt wird euer Sehnen;

MARZELLINE
O habe Mut, o welche Glut,
o welch' ein tiefes Sehnen!

LEONORE
Ihr seid so gut ihr macht mir Mut,
gestillt wird bald mein Sehnen.

ROCCO
Gebt euch die Hand und schliesst das Band,
in süßen Freudentränen.

LEONORE
Ich gab die Hand zum süßen Band,
es kostet bittre Tränen.

MARZELLINE
Ein festes Band, mit Herz und Hand.
o süße, süße Tränen.




Akt I
Akt II
Akt III

AKT II

Der Hof des Staatsgefängnisses

Nr. 7 Marsch
(Während des Marsches wird das Haupttor
durch Schildwachen geöffnet. Offiziere ziehen
ein, dann kommt Pizarro)


ERSTER AUFTRITT

PIZARRO
Drei Schildwachen auf den Wall, zwölf Mann Tag und
Nacht an der Zugbrü cke, ebensoviele gegen den Garten
zu. Und jedermann, der sich den Gräben der Festung
nähert, werde sogleich vor mich gebracht.
Wo sind die Depeschen?

ROCCO
Hier sind sie.

PIZARRO
Ich kenne diese Schrift?! Laß seh'n. -
"Ich gebe ihnen Nachricht, daß der Minister auf
geheimem Weg in Erfahrung gebracht hat, daß die
Staatsgefängnisse, denen Sie vorstehen, mehrere Opfer
willkürlicher Gewalt enthalten. Er reist morgen ab,
um Sie mit einer Untersuchung zu überraschen. " -
Gott, wenn er entdeckte, daß ich diesen Florestan
in Ketten liegen habe, ihn, der mich vor dem Minister enthüllen
und mir seine Gunst entreißen wollte! Gepriesener
Minister, ich werd emich doch deiner Wachsamkeit zu entziehen
wissen. - Heute soll er ankommen. Da habe ich keinen Augenblick zu
verlieren. - Hauptmann, hören Sie! Besteigen Sie mit einem
Trompeter sogleich den Turm. Sehen Sie mit größter
Aufmerksamkeit auf die Strasse nach Sevilla. Sobal Sie einen
Wagen, von Reitern begleitet, kommen sehen, lassen Sie augenblicklich
ein Signal geben. Ich erwarte größte Pünktlichkeit.
Sie haften mir mit Ihrem Kopf dafür. - Was aber jetzt tun, um
mir diesen Florestan unverzüglich vom Halse zu schaffen? -
Es gibt nur ein Mittel!

Nr. 8 Arie mit Chor

PIZARRO
Ha! Welch ein Augenblick!
Die Rache werd' ich kühlen!
dich, dich rufet dein Geschick!
In seinem Herzen wühlen, o Wonne,
großes Glück!
Schon war ich, schon war ich nah',
im Staube,
dem lauten Spott zum Raube,
dahin, dahin, ja,
dahin gestreckt zu sein!
Nun ist es mir geworden,
den Mörder selbst zu morden!
Ha! Welch ein AUgenblick! usw.
In seiner letzten Stunde,
den Stahl in seiner Wunde,
ihm noch ins Ohr zu schrei'n.
Triumph! Triumph! Triumph!
Der Sieg, der Sieg ist mein!

DIE WACHEN
Er spricht von Tod und Wunde,
nun fort auf unsre Runde,
wie wichtig, wie wichtig
muß es sein, nun fort, nun fort,
wie wichtig muß es sein!

PIZARRO
Ha! Welch ein Augenblick!
Die Rache werd' ich kühlen!
dich, dich rufet dein Geschick!
Der Sieg, der Sieg ist mein! Triumph

PIZARRO
Rocco!

ROCCO
Herr!

PIZARRO
Ich muß ihn dazu gebrauchen. - Komm näher!

Nr. 9 Duett

PIZARRO
Jetzt, Alter, jetzt hat es Eile!
dir wird ein Glück zu Teile,
(wirf ihm einen Beutel zu)
du wirst ein reicher Mann;
das geb' ich nur daran.

ROCCO
So sagt doch nur in Eile,
womit ich dienen kann.

PIZARRO
Du bist von kaltem Blute,
von unverzagtem Mute
durch langen, langen Dienst geworden.

ROCCO
Was soll ich? Redet, redet!

PIZARRO
Morden!

ROCCO
Wie?

PIZARRO
Höre mich nur an!
Du bebst? bist du ein Mann?
Wir dürfen gar nicht säumen,
dem Staate liegt
den bösen Untertan
schnell aus dem Weg zu räumen.

ROCCO
O Herr!

PIZARRO
Dem Staate liegt
den bösen Untertan
schnell aus dem Weg zu räumen.

ROCCO
O Herr!

PIZARRO
Du stehst doch an?
Er darf nicht länger leben,
sonst ist's um mich gescheh'n.
Pizarro sollte beben?
Du fällst, du fällst, ich werde steh'n.

ROCCO
Die Glieder fühl' ich beben,
wie könnt' ich das besteh'n?
Ich nehm' ihm nicht das Leben,
mag was da will, gescheh'n.

ROCCO
Nein, Herr, das Leben nehmen,
das ist nicht meine Pflicht.

PIZARRO
Ich will mich selbst bequemen,
wenn Dir's an Mut gebricht.
Nun eile rasch und munter
zu jenem Mann hinunter,
du weißt, du weißt, ...

ROCCO
... der kaum mehr lebt,
und wie ein Schatten schwebt?

PIZARRO
Zu dem, zu dem hinab!
Ich wart' in kleiner ferne, du gräbst in der Zisterne
sehr schnell ein Grab.

ROCCO
Und dann? Und dann?

PIZARRO
Dann werd' ich selbst vermummt mich in den Kerker
schleichen: ein Stoß ... und er verstummt!

ROCCO
Verhungernd in den Ketten,
ertrug er lange Pein,
ihn töten, heißt ihn retten,
der Dolch wird ihn befrei'n.

PIZARRO
Er sterb' in seinen Ketten,
zu kurz war seine Pein,
ihn töten, heißt ihn retten,
dann werd' ich ruhig sein.

Jetzt, ALter, jetzt hat es Eile!
Hast du mich verstanden?
Du gibst ein Zeichen;
dann werd' ich selbst vermummt
mich in den Kerker schleichen:
ein Stoß ... und er verstummt!

ROCCO
Verhungernd in den Ketten,
ertrug er lange Pein,
ihn töten, heißt ihn retten,
der Dolch wird ihn befrei'n.

PIZARRO
Er sterb' in seinen Ketten,
zu kurz war seine Pein,
ihn töten, heißt ihn retten,
dann werd' ich ruhig sein.

(Pizarro ab, Rocco folgt ihm)


ZWEITER AUFTRITT

(Leonore und Marzelline kommen von der
entgegengesetzten Seite)


MARZELLINE
Nun ist es endlich entschieden. - Nichts kann unser
Glück mehr hindern; in wenigen Tagen werd' ich das
Weib meines lieben Fidelio sein!

LEONORE
O, daß ich sie täuschen muß! - Welch
schreckliche Lage!


Nr 10 Duett

MARZELLINE
Um in der Ehe froh zu leben,
muß man vor allem treu sich sein,
muß nie sich Grund zur Argwohn geben ...

LEONORE
Ja, Argwohn ist der Ehe Pein.

MARZELLINE
Darüber stimmen wir nun ein,
darüber stimmen wir nun ein.

LEONORE
Darüber stimm' ich mit dir ein.

MARZELLINE
Nur was du willst, soll stets geschehen,
ich gebe deinem Willen nach,
und wie ein Steinchen in dem Bach
sollst du, was ich mir denke sehen.

LEONORE
Dein Herz ist ja so spiegelrein,
man kann mit dir nur glücklich sein.
(für sich)
Wie schmerzlich, täuschen sie zu müssen,
der Himmel wird es mir verzeihen.

MARZELLINE
Das Leben wird uns sanft verfließen,
voll Blumen uns're Wege sein.
Um in der Ehe froh zu leben,
muß man vor allem treu sich sein,
muß nie sich Grund zur Argwohn geben ...

LEONORE
Ja, Argwohn ist der Ehe Pein.

MARZELLINE
Darüber stimmen wir nun ein.

BEIDE
Darüber stimmen wir nun ein.

MARZELLINE
Mein Vater wird mit dir und mir
sein Alter innig froh verleben;
und, und sind wir einmal unser vier,
o, das wird Himmelswonne geben.

LEONORE
O mag dir diese Freude werden.

MARZELLINE
Mein Vater sagt, es gibt auf Erden
nichts süßres, keine größ're Lust
als ich zuerst ihn Vater nannte,
da mußt' er weinen und es brannte
wie Glut die Freud in seiner Brust.

LEONORE
Auch du wirst einst so glücklich sein
und dich des Mutternamens freuen.
(für sich)
Wie schmerzlich, täuschen sie zu müssen,
der Himmel wird es mir verzeihen.

MARZELLINE
Das Leben wird uns sanft verfließen,
voll Blumen uns're Wege sein.

(Leonore versinkt in tiefe Gedanken)

MARZELLINE
Sie doch, wie du so schnell von der Freude zur
Traurigkeit übergehen kannst, als ob du einen
geheimen Kummer hättest, den du gern verbergen
möchtest.

LEONORE
Ich? - Ganz und gar nicht.

MARZELLINE
Ach mach's so wie ich, ich singe und lache
den ganzen Tag über und besonders, seit ich weiß,
daß du mein Mann wirst.

LEONORE
O wenn ich noch Angehörige hätte wie du! - Wenn
ich meinen Vater kennte wie du!

MARZELLINE
Jetzt ist die Stunde, wo ich die Gefangenen der frischen
Luft geniessen lassen muß Herz gefaßt, lieber Freund,
Herz gefaßt! - Wenn du auch keine Angehörigen hast,
so hast du doch Marzellinen, die dich so innig liebt, daß sie
dir für alle anderen gelten kann. Verstehst du mich? -
für alle - ja, ja - für alle. (mit der Wäsche ab)

DRITTER AUFTRITT

LEONORE (allein)
Wie rührend ist ihre Hingebung! - Wie liebenswürdig ihre
Offenheit! Der Augenblick ist nah, wo es mir gelingen wird, in die
geheimen Kerker der Festung zu dringen. Ja, mein Mann lebt, er lebt
in diesen Kerkern! - Alles sagt es mir! - Gott hat mir mehr Kräfte,
als ich zu hoffen wagte, gegeben! Mut gefaßt! - Was mir auch
bevorstehen mag, ich muß mein Werk vollenden!

Nr. 11 Rezitativ und Arie

LEONORE
Ach, brich noch nicht, du mattes Herz!
Du hast in Schreckenstagen
mit jedem Schlag ja neuen Schmerz
und bange Angst ertragen.
Ach, brich noch nicht, du mattes Herz!
Komm', Hoffnung, laß' den letzten Stern
der Müden nicht erbleichen!
Komm', o komm', erhell' ihr Ziel,
sei's noch so fern,
die Liebe, die Liebe wird's erreichen.
Komm', o komm', erhell ihr Ziel,
komm', Hoffnung, laß' den letzten Stern usw.
O du, für den ich alles trug,
könnt ich zur Stelle dringen,
wo Bosheit dich in Fesseln schlug,
und süßen Trost dir bringen!
Ich folg' dem innern Triebe,
ich wanke nicht,
micht stärkt die Pflicht
der treuen Gattenliebe.

Nr. 12 Finale

GEFANGENE
O, welche Lust!
in freier Luft den Atem
leicht zu heben, O, welche Lust!
Nur hier, nur hier ist Leben,
der Kerker eine Gruft, eine Gruft!

ERSTER GEFANGENER
Wir wollen mit Vertrauen
auf Gottes Hilfe,
auf Gottes Hilfe bauen,
die Hoffnung flüstert sanft mir zu,
wir werden frei, wir finden Ruh,
wir finden Ruh'.

GEFANGENE
O Himmel Rettung,
welch ein Glück,
o Freiheit, o Freiheit,
kehrst du zurück?

ZWEITER GEFANGENER
Sprecht leise, haltet euch zurück,
wir sind belauscht mir
Ohr und Blick.

GEFANGENE
Sprecht leise, haltet euch zurück,
wir sind belauscht mit Ohr und Blick.
O, welche Lust!
in freier Luft den Atem
leicht zu heben, O, welche Lust!
Nur hier, nur hier ist Leben,
der Kerker eine Gruft, eine Gruft!
Sprecht leise, haltet euch zurück,
wir sind belauscht mit Ohr und Blick.

ROCCO
Entfernt euch jetzt! Nun, könnt ihr eilen?
Ihr könnt ja morgen länger hier verweilen.

LEONORE
Nun sprecht, wie ging's?

ROCCO
Recht gut, recht gut !
Zusammen rafft' ich meinen Mut,
und trug ihm alles vor,
und sollt'st du's glauben,
was er zur Antwort mir gab?
Die Heirat, und daß du mir hilfst,
will er erlauben,
noch heute führ ich in den Kerker dich hinab.

LEONORE
Noch heute? noch heute?
O welch ein Glück, o welche Wonne!

ROCCO
Ich sehe deine Freude;
nur noch ein Augenblick,
dann gehen wir schon beide, ja,
dann gehen wir schon beide.

LEONORE
Wohin, wohin?

ROCCO
Zu jenem Mann hinab,
dem ich seit vielen Wochen
stets weniger zu essen gab.

LEONORE
Ha, wird er losgesprochen?

ROCCO
O nein!

LEONORE
So sprich, so sprich!

ROCCO
O nein, o nein!
O nein, o nein!
Wir müssen ihn, doch wie,
befrei'n, er muß in einer Stunde -
den Finger auf dem Munde
von uns begraben sein.

LEONORE
So ist er tot?

ROCCO
Noch nicht, noch nicht!

LEONORE
Ist, ihn zu töten,deine Pflicht?

ROCCO
Nein, guter Junge, zitt're nicht!
Zum Morden, zum Morden dingt sich Rocco nicht,
nein, nein!
Der Gouverneur,
der Gouverneur kommt selbst hinab,
wir beide graben nur das Grab.

LEONORE
Ich soll das Grab des Gatten graben,
was kann fürchterlicher sein?

ROCCO
Ich darf ihn nicht mit Speise laben,
ihm wird im Grabe besser sein.
Wir müssen gleich zum Werke schreiten,
du mußt helfen, mich begleiten;
hart, hart ist des Kerkermeisters Brot.

LEONORE
Ich folge dir bis in den Tod!

ROCCO
In der verfallenen Zisterne
bereiten wir die Grube leicht;
ich tu' es, glaube mir, nicht gerne,
auch dir ist schaurig, wie mich deucht.

LEONORE
Ich bin es nur noch nicht gewohnt.

ROCCO
Ich hätte gerne dich verschont,
doch wird mir allein zu schwer,
und gar so streng ist unser Herr.

LEONORE
O welch ein Schmerz!

ROCCO
(für sich)
Mir scheint, er weine.

LEONORE
O welch ein Schmerz!

ROCCO
Nein, nein, du bleibst hier,
ich geh' alleine, ich geh' allein,
du bleibst hier, nein,
du bleibst hier!

LEONORE
O nein, o nein, ich muß ihn seh'n,
den Armen sehen.
Und müßt ich selbst zugrunde gehen!

BEIDE
O säumen wir nun länger nicht,
wir folgen uns'rer strengen Pflicht.

MARZELLINE
(Stürmt herein)
Ach, Vater, eilt!

ROCCO
Was hast du denn?

JAQUINO
Ach ihr verweilt!

ROCCO
Was ist gescheh'n?

MARZELLINE
Mir folgt im Zorn Pizarro nach,
du bist verlor'n!

ROCCO
Gemach, gemach!

LEONORE
So eilet fort!

ROCCO
Ich gehe schon, nur noch ein Wort;

MARZELLINE
Er kommt ja schon,
du weiß ja, wie er tobet,
du kennest seine Wut.

LEONORE
Wie mir's im Innern tobet,
empöret ist mein Blut!

ROCCO
Erst hat er mich gelobet
und jetzt ist er in Wut.

(Pizarro, Offiziere und Wachen treten auf)

PIZARRO
Noch immer zaudert ihr?
Noch immer seid ihr hier? Noch immer?

ROCCO, MARZELLINE, LEONORE
Ihr müßt, weil ihr ...
Ach verzeiht, ach verzeiht!

PIZARRO
Nicht mehr ein Wort,
fort, eilig fort.
sonst findet ihr den Lohn.

ROCCO, MARZELLINE, LEONORE
Ja, wir gehorchen schon.

(Sie schleichen schüchtern ab)

PIZARRO
(zu den Wachen)
Auf euch nur will ich bauen,
seid string auf eurer Hut,
rechtfertigt mein Vertrauen,
sonst fürchtet meine Wut!
Jetzt eilet auf die Zinnen,
besetzet rings den Turm!
Bald wird sein Blut verrinnen,
bald krümmet sich der Wurm.

CHOR DER WACHEN
Fest könnt ihr auf uns bauen,
und flöss auch unser Blut,
uns ziemet das Vertrauen,
wir sind voll Treu und Mut.

PIZARRO
Bald wird sein Blut verrinnen,
bald krümmet sich der Wurm.
Auf euch nur will ich bauen,
rechtfertigt mein Vertrauen.
Seid string auf eurer Hut,
sonst fürchtet meine Wut!

CHOR DER WACHEN
Fest könnt ihr auf uns bauen,
uns ziemet das Vertrauen,
wir sind voll Treu und Mut,
und flöss auch unser Blut.

PIZARRO
Jetzt eilet auf die Zinnen,
besetzet rings den Turm!
Bald wird sein Blut verrinnen,
bald krümmet sich der Wurm.

CHOR DER WACHEN
Wir eilen auf die Zinnen,
besetzen rings den Turm,
wir sind voll Treu und Mut,
und flöss auch unser Blut.



Akt I
Akt II
Akt III


AKT III

Ein dunkler, unterirdischer Keller

ERSTER AUFTRITT

Nr. 13 Rezitativ und Arie

FLORESTAN
Gott! Welch Dunkel hier!
O grauenvolle Stille!
Öd ist es um mich her,
nichts, ach nichts lebet außer mir.
O schwere Prüfung!
Doch gerecht ist Gottes Wille!
Ich murre nicht!
Das Maß der Leiden steht bei dir!

In des Lebens Frühlingstagen
ist das Glück von mir gefloh'n.
Wahrheit wagt ich kühn zu sagen,
und die Ketten sind mein Lohn.
Willig duld' ich alle Schmerzen,
ende schmählich meine Bahn;
süßer, Trost in meinem Herzen:
meine Pflicht hab ich getan.

Ach! Es waren schöne Tage,
als mein Blick an deinem hing,
als ich dich mit frohem Schlage
meines Herzens fest umfing.
Ach, es waren schöne Tage!
Mild're, Liebe, deine Klage,
wandle ruhig deine Bahn,
sage deinem Herzen, sage:
Florestan hat recht getan.
Mild're, Liebe, deine Klage ...


ZWEITER AUFRITT

Nr. 14 Melodram und Duett

LEONORE
Wie kalt ist es in diesem unterirdischen Gewölbe!

ROCCO
Das ist natürlich, es ist ja so tief!

LEONORE
Ich glaubte schon, wir würden
den Eingang gar nicht mehr finden.

ROCCO
Da ist er.

LEONORE
Wo?
ROCCO
Dort - auf dem Steine -

LEONORE
Er scheint ganz ohne Bewegung.

ROCCO
Vielleicht ist er tot.

LEONORE
Ihr meint es?

ROCCO
Nein, nein, er schläft. - Das müssen wir benützen,
und gleich ans Werk gehen, wir haben keine Zeit zu verlieren.

LEONORE
Es ist unmöglich, seine Züge zu unterscheiden.
Gott steh mir bei, wenn er es ist!

ROCCO
Hier unter diesen Trümmern ist die Zisterne,
von der ich gesagt habe. - Wir brauchen nicht viel
zu graben, um an die Öffnung zu kommen.
Hole mir eine Haue, und du stelle dich hierher!
Mir scheint, du zitterst? Fürchtest du dich?

LEONORE
O nein! - Ees ist nur so kalt.

ROCCO
So mache fort! Im Arbeiten wird dir schon warm werden.

ROCCO
Nur hurtig fort, nur frisch gegraben,
es währt nicht lang, er kommt herein,
es währt nicht lang, er kommt herein.

LEONORE
Ihr sollt ja nicht zu klagen haben,
ihr sollt gewiß zufrieden sein.

ROCCO
Komm, hilf, komm hilf doch diesen Stein mit heben,
hab Acht, hab Acht! Er hat Gewicht!

LEONORE
Ich helfe schon, sorgt euch nicht,
ich will mir alle Mühe geben.

ROCCO
Ein wenig noch!

LEONORE
Geduld!

ROCCO
Er weicht!

LEONORE
Nur etwas noch!

ROCCO
Es ist nicht leicht!

ROCCO
Nur hurtig fort, nur frisch gegraben,
es währt nicht lang, er kommt herein,
es währt nicht lang, er kommt herein.

LEONORE
Laßt mich nur wieder Kräfte haben,
wir werden bald zu Ende sein.

ROCCO
Nur hurtig fort, nur frisch gegraben,
es währt nicht lang, er kommt herein.

LEONORE
Wer du auch seist, ich will dich retten,
bei Gott! Du sollst kein Opfer sein!
Gewiß, ich löse deine Ketten
ich will, du Armer, dich befrei'n!
Du Armer, dich befrei'n

ROCCO
Was er da mit sich selber spricht?

LEONORE
Mein Vater, nein, ich rede nicht!

ROCCO
Nur hurtig fort, nur frisch gegraben,
es währt nicht lang, er kommt herein.

LEONORE
Laßt mich nur wieder Kräfte haben,
wir werden bald zu Ende sein.

(Rocco trinkt)

LEONORE
Er erwacht!

ROCCO (plötzlich im Trinken einhaltend)
Er erwacht, sagst du?

LEONORE
Ja, er hat eben den Kopf gehoben.

ROCCO
Ich muß allein mit ihm reden.
(Er steigt aus der Grube)
Steig' anstatt meiner hinab und mache bald so viel
Raum, daß man die Zisterne öffnen kann.

LEONORE
Was in mir vorgeht, ist unaussprechlich!
Ich muß lauschen.
ROCCO
Nun, habt ihr wieder einige Augenblicke Ruhe
genossen?

FLORESTAN
Ruhe, sagt ihr?

LEONORE
Diese Stimme! - wenn ich nur einen Augenblick
sein Gesicht sehen könnte.

FLORESTAN
Werdet ihr immer taub und gefühllos sein?
Werdet ihr euch nie des unglücklichen Florestan
erbarmen?
(mit den letzten Worten wendet er sein Gesicht gegen
Leonoren)


LEONORE
Gott, er ist's!
(Sie fällt ohne Bewußtsein an den Rand der Grube)

ROCCO
Was verlangt Ihr denn von mir?
Ich vollziehe die Befehle, die man mir gibt;
das ist mein Amt, meine Pflicht.

FLORESTAN
Wer ist Gouverneur dieses Gefängnisses?

ROCCO
Der Gouverneur dieses Gefängnissen ist Don Pizarro.

FLORESTAN
Pizarro, sagt ihr? - O nun erstaun' ich nicht mehr,
daß ich diese Martern zu leiden verdammt bin. - Er
ist's dessen Verbrechen, dessen Mißbrauch der
Gewalt ich zu entdecken wagte. Ich bitt' euch nur, sobald
als möglich nach Sevilla zu schicken; dort fragt
nach Leonore Florestan -

LEONORE
Gott, er ahnt nicht, daß sie jetzt sein Grube gräbt!

FLORESTAN
Gebt ihr Nachricht, daß ich noch lebe, sagt ihr, daß
ich hier in Ketten liege, daß der Barbar Pizarro hier zu
gebieten hat. Sie wird meine Freiheit bewirken, mein Leben
erhalten, und du, Alter, wirdt die Tugend geschützt und die
Unschuld gerettet haben.

ROCCO
Es ist unmöglich, sag' ich euch. - Ich würde mich ins
Verderben stürzen, ohne euch genützt zu haben.

LEONORE
O Gott, wer kann das ertragen?

FLORESTAN
Aus Barmherzigkeit, gib mir nur einen Tropfen Wasser.

ROCCO
Es geht mir wider meinen Willen so zu Herzen!
Alles was ich euch anbieten kann, ist dasa Restchen Wein,
das ich noch im Krug habe. Fidelio!

LEONORE
Da ist er! Da ist er!

FLORESTAN
Wer ist dieser Jüngling?

ROCCO
Mein Schließer, und in wenigen Tagen mein Eidam.
(Zu Leonore) Du bist ja so bewegt!

LEONORE
Wer sollt' es nicht sein? - Ihr selbst, Meister Rocco -

ROCCO
Du hast recht. Dieser Mensch hat so eine Stimme -


Nr. 15 Terzett

FLORESTAN
Euch werde Lohn in bessern Welten,
der Himmel, der Himmel hat euch mir geschickt,
o Dank, ihr habt mich süß erquickt,
ich kann die Wohltat nicht vergelten.

ROCCO
Ich labt ihn gern, den armen Mann,
es ist ja bald um ihn getan.

LEONORE
Wie zieht er mich so mächtig an,
o wenn ich ihn befreien kann.

FLORESTAN
Er scheint gerührt, der gute Mann,
o wenn ich ihn gewinnen kann!

LEONORE
Wie zieht er mich so mächtig an,
o wenn ich ihn befreien kann.

ROCCO
Ich labt ihn gern, den armen Mann,
es ist ja bald um ihn getan.

LEONORE
(leise zu Rocco)
Dies Stückchen Brot, ja, seit zwei Tagen
trag ich es immer schon bei mir.

ROCCO
Ich möchte gern, doch sag ich dir,
das hieße wirklich zu viel wagen.

LEONORE
Ihr labtet gern den armen Mann.

ROCCO
Das geht nicht an, das geht nicht an!

LEONORE
Es ist ja bald um ihn getan.

ROCCO
Das geht nicht an, das geht nicht an!

LEONORE
Es ist ja bald um ihn getan.

ROCCO
So sei es, so sei's, du kannst es wagen.

LEONORE
Da nimm, da nimm das Brot,
du armer, du armer Mann!

FLORESTAN
O Dank dir, Dank! O Dank!
Euch werde Lohn in bessern Welten,
der Himmel, der Himmel hat euch mir geschickt.

LEONORE
Wie zieht er mich so mächtig an,
o wenn ich ihn befreien kann.
Du armer, du armer Mann!

ROCCO
Ich labt ihn gern, den armen Mann,
es ist ja bald um ihn getan.
Der arme Mann, der arme Mann,
es ist ja bald um ihn getan.

FLORESTAN
Er scheint gerührt, der gute Mann,
o wenn ich ihn gewinnen kann!
Ich kann die Wohltat nicht vergelten.
der Himmel, der Himmel hat euch mir geschickt.
O daß ich euch nicht lohnen kann!
O Dank! Ich kann die Wohltat nicht vergelten.

LEONORE
O mehr als ich ertragen kann!
Du armer Mann! Du armer Mann!

ROCCO
Es ist ja bald um ihn getan.
Der arme Mann! Der arme Mann!

(Florestan verschlingt das Stückchen Brot)

ROCCO (nach augenblicklichem Stillschweigen zu Leonore)
Alles ist bereit; ich gehe, das Signal zu geben.
(Er geht in den Hintergrund)

LEONORE
O Gott, gib mir Mut und Stärke!

DRITTER AUFTRITT

PIZARRO
Ist alles bereit?

ROCCO
Ja, wir haben nurmehr die Zisterne zu öffnen.

PIZARRO
Gut - der Jüngling soll sich entfernen.

ROCCO
Geh, geh!

LEONORE
Wer?... Ich...? Und ihr?

PIZARRO
Die muß ich mir heute noch beide vom Halse schaffen,
damit alles auf immer im Dunkeln bleibt.

ROCCO
Soll ich ihm die Ketten abnehmen?

PIZARRO
Nein, ich muß erst - Die Zeit ist dringend.
(Er zieht einen Dolch hervor)

Nr. 16 Quartett

PIZARRO
Er sterbe!
Doch er soll erst wissen,
wer ihm sein stolzes Herz zerfleischt
Der Rache Dunkel sei zerrissen
sieh her, du hast mich
nicht getäuscht!
Pizarro, den du stürzen wolltest,
Pizarro, den du fürchten solltest,
steht nun als Rächer hier!

FLORESTAN
Ein Mörder steht vor mir!

PIZARRO
Noch einmal ruf' ich dir,
was du getan zurück,
nur noch ein Augenblick,
und dieser Dolch ...

LEONORE
Zurück! Zurück!

FLORESTAN
O Gott!

ROCCO
Was soll?

LEONORE
Durchbohren, durchbohren
mußst du erst diese Brust,
der Tod sei dir geschworen
für deine Mörderlust!

PIZARRO
Wahnsinniger!

LEONORE
Der Tod sei dir geschworen
für deine Mörderlust!

ROCCO
Halt ein, halt doch ein!

PIZARRO
Wahnsinniger! Er soll bestrafet sein!

LEONORE
Töt erst sein Weib!

PIZARRO
Sein Weib?

ROCCO
Sein Weib?

FLORESTAN
Mein Weib?

LEONORE
Ja, sieh hier Leonore!

FLORESTAN
Leonore!

LEONORE
Ich bin sein Weib,
geschworen hab ich ihm Trost,
Verderben dir!

PIZARRO
Sein Weib?

ROCCO
Sein Weib?

FLORESTAN
Mein Weib?

LEONORE
Ich bin sein Weib,
geschworen hab ich ihm Trost,
Verderben dir!

FLORESTAN
Vor Freude starrt mein Blut!

ROCCO
Mir starrt vor Angst mein Blut!

PIZARRO
Welch' unerhörter Mut!
welch unerhörter Mut!
Ha, soll ich vor einem Weibe beben?
So opfr'ich, so opfr'ich
beide meinem Grimm;
geteilt hast du mit ihm das Leben,
so teile nun den Tod mit ihm!

LEONORE
Ich trotze seiner Wut!
Verderben ihm!
Der Tod, der Tod sei dir geschworen,
durchbohren mußt
du erst diese Brust!
(zieht eine Pistole)
Noch einen Laut, und du bist tot!

(Trompeten hinter der Szene)

LEONORE
Ach, du bist gerettet, großer Gott!

FLORESTAN
Ach, ich bin gerettet, großer Gott!

PIZARRO
Ha! ha, der Minister, Höll' und Tod!

ROCCO
O, was ist das? Gerechter Gott!

LEONORE
So schlägt der Rache Stunde,
du sollst gerettet sein!

FLORESTAN
So schlägt der Rache Stunde,
ich soll gerettet sein!

PIZARRO
Verflucht sei diese Stunde,
die Heuchler spotten mein.

ROCCO
O fürchterliche Stunde!
O, Gott, was wartet mein?

PIZARRO
Verzweiflung wird im Bunde
mit meiner Rache sein!
Verflucht sei diese Stunde,
die Heuchler spotten mein.

LEONORE
Die Liebe wird im Bunde
mit Mute mich befrein.

FLORESTAN
Die Liebe wird im Bunde
mit Mute dich befrei'n.
Es schlägt der Rache Stunde,
ich soll gerettet sein!

ROCCO
Ich will nicht mehr im Bunde
mit diesem Wüt'rich sein.
O fürchterliche Stunde!
O, Gott, was wartet mein?

(Pizarro stürzt ab, Rocco folgt ihm nach,
nachdem er Leonore die Waffe abgenommen hat.)


VIERTER AUFTRITT

LEONORE (ganz ermattet)
Die Waffe hab' ich mir nehmen lassen - o Gott, Gott -
In einem Augenblick die Frucht so vieler Bemühung
verloren! - Keine Hoffnung hab' ich mehr! - Nein! Nein!
(Sie sinkt ohnmächtig auf die Trümmer der Zisterne)

Nr. 17 Duett

FLORESTAN
Ich kann mich noch nicht fassen,
zu denken wag' ich's kaum,
sie hat mich nicht verlassen,
o nein, es war kein Traum.
Sie war's, sie ist's, dort sank sie hin!
O Gott! Sie scheint sich kaum zu regen!
Weh mir, daß ich gefesselt bin!
Mein Herz erliegt so vielen Schlägen!
O Leonore, Leonore!

LEONORE
(noch ohne Bewußtsein)
Gebt, ach gebt ihn mir!

FLORESTAN
Ha, sie ist's!
O Gott! O Gott! Sie ruft nach mir!
Geliebtes Weib!

LEONORE
O helft, o helft ihn retten!

FLORESTAN
Sieh' Florestan, sieh' seine Ketten,
sieh', Leonore, den Gemahl!

LEONORE
(erholt sich)
Was hör ich?
Welch süßer Schall?

FLORESTAN
Sie ist's! O himmlisches Entzücken!
Komm, laß an dieses Herz dich drücken,
o Leonore, komm zu mir!
LEONORE
Er ist's! Er ist's!
(Sie eilt zu ihm und sinkt an seine Brust)
Ich bin bei dir.

BEIDE
O, namen-, namenlose Freude!

LEONORE
Mein Mann an meiner Brust!

FLORESTAN
Mein Weib an meiner Brust!

BEIDE
Nach unnennbarer Leiden,
so übergroße Lust.

LEONORE
Du wieder nun in meinen Armen!

FLORESTAN
O Gott, wie groß ist dein Erbarmen,

LEONORE
Du wieder nun in meinen Armen!

FLORESTAN
O Gott, wie groß ist dein Erbarmen,
O Dank dir, Gott, für diese Lust!

BEIDE
O Dank dir, Gott, für diese Lust!
Mein Mann, mein Mann an meiner Brust!
Ich bin's!
Mein Weib, mein Weib
O, namen-, namenlose Freude!

FLORESTAN
Du bist's! Du bist'S!
O himmlisches Entzücken!
Komm, laß an dieses Herz dich drücken!

LEONORE
Ich bin's! Ich bin's! O himmlisches Entzücken!
Komm, laß an dieses Herz dich drücken!

FLORESTAN
Leonore!

LEONORE
Florestan!

O, namen-, namenlose Freude!
Nach unnennbarer Leiden,
so übergroße Lust.
Mein Mann an meiner Brust!
Mein Weib an meiner Brust!
O Dank dir, Gott, für diese Lust!

FLORESTAN
O Leonore, sprich! Durch welches Wunder ist es
dir gelungen, zu mir zu dringen?

LEONORE (schnell)
Ich verließ Sevilla - ich kam zu Fuß -
in Manneskleidern - der Kerkermeister nahm mich
in Dienste, dein Verfolger selbst machte mich zum
Schließer!

FLORESTAN
So viele Beschwerden hast du ertragen können?

LEONORE
Die Liebe hat mich beseelt! Meine Kräfte waren
unerschöpflich!

FLORESTAN
Meine Leonore, was hast du alles
für mich getan!

LEONORE
Nichts, mein Florestan.

Nr. 18 Finale

CHOR
(von innnen, entfernt)
Zur Rache, zur Rache, zur Rache,
wir müssen ihn seh'n,
ja, wir müssen ihn seh'n!

LEONORE
O Gott, o Gott, nun ist's um uns gescheh'n!
O Hülfe, großer Gott, Hülfe, Hülfe!

FLORESTAN
Laß uns mit Mut dem Tod,
der Ruh' entgegengeh'n.

LEONORE
Ja, geh'n wir ihm entgegen,
er endet unsern Harm;
dein Wille, Gott, ist Segen,
ich sterb' in seinem Arm.

FLORESTAN
Ja, geh'n wir ihm entgegen,
er endet unsern Harm;
dein Wille, Gott, ist Segen,
ich sterb' in ihrem Arm.

CHOR
(näher)
Zur Rache, zur Rache!
Die Unschuld werde befreit,
Gott schützet die gerechte Sache
und straft die Grausamkeit.

LEONORE, FLORESTAN
Gott schützet die gerechte Sache
und straft die Grausamkeit.

CHOR
(hervortretend)
Zur Rache, zur Rache, zur Rache!
Gott schützet die gerechte Sache
und straft die Grausamkeit.

ROCCO
(Er hat sich nahe zu Leonore gedrängt.
Ihm folgt Don Fernando auf dem Fuße)

Hier sind sie!
Seht! O habt Erbarmen!
O rettet dieses edle Paar!

FLORESTAN
Wer reißt sie mir aus meinen Armen?

LEONORE
Herbei! Ich trotze der Gefahr!

FLORESTAN
Was seh' ich! Don Fernando!

DON FERNANDO
Ja, doch um die Tugend nur zu rächen,
um eure Ketten zu zerbrechen,
als euer Retter bin ich da.

LEONORE, FLORESTAN
O Gott!

DON FERNANDO
(hebt Leonore auf)
Stegt auf, steht auf! Es ziemte mir,
mir selbst, zu euren Füßen hier
der Frauen edelste zu ehren.

ROCCO
Laß euch auch über mich belehren:
verfolgt hab ich euch nur zum Schein;
ich kann nicht unbarmherzig sein,
als Retter wollt ich wiederkehren.
(die Pistole zeigend)
Das hab' ich mit Gewalt geborgt,
für Mißbrauch war ich nur besorgt.
Jetzt soll mein Herz nichts mehr beschweren.
(Er wirft Pizarro einen Beutel zu)
Das gabst du mir in diesem Kauf!
Der Fluch des Himmels liegt darauf!

CHOR
Bestrafet sei der Bösewicht
der Unschuld unterdrückt!
Hält nicht das strafende Gericht
der Rache Schwerte gezückt)

FERNANDO
(zu Rocco)
Du des edlen Mannes Grab,
jetzt, jetzt nimm ihm seine Ketten ab.
(zu Leonore)
Doch halt! Euch, edle Frau, allein,
euch ziemt es, ganz ihn zu befrei'n.

LEONORE, FLORESTAN, MARZELLINE,
ROCCO, DON FERNANDO, CHOR
O Gott, o Gott, welch ein Augenblick
O unaussprechlich süßes Glück!
Gerecht, o Gott, gerecht ist dein Gericht!
Du prüfest, du verläßt uns nicht!

DON FERNANDO
(zu Florestan)
Wie lang habt ihr sie getragen?

FLORESTAN
Ich weiß es nicht, denn mit den Tagen
vermengen sich die Nächte hier.

DON FERNANDO
(zu Rocco)
Ihr, Alter, wißt es, sagt es mir.

ROCCO
Zwei Jahre sind's, ich irre nicht.

DON FERNANDO
(zu Pizarro)
So höre denn, du Bösewicht,
du kontest dich an seinen Leiden
zwei schreckensvolle Jahre weiden?
Du wirst nun an denselben Stein
dein Leben durch geschmiedet sein!

CHOR
O, zu gelind' ist er bestraft.

LEONORE
O nein! O nein! Erbarmt euch sein!
Denn ihm gab sein Bewußtsein Kraft.

FLORESTAN
O nein! O nein! Erbarmt euch sein!
Denn mir gab mein Bewußtsein Kraft.

CHOR
Nein, nein, nein!
Er ist noch zu gelind' bestraft.

DON FERNANDO
Der König wird sein Richter sein;
kommt, Freunde, laßt zu ihm uns eilen,
er wird mit mir die Wonne teilen,
verfolgte Unschuld zu befrei'n.

CHOR
Preist! Preist!
Preist mit hoher Freude Glut
Leonorens edlen Mut!

MARZELLINE, JAQUINO,
ROCCO, DON FERNANDO
Wer ein holdes Weib errungen,
stimm in unsern Jubel ein,
nie, wird es zu hoch besungen,
Retterin des Gatten zu sein.

CHOR
Wer ein holdes Weib errungen,
stimm in unsern Jubel ein,
nie, wird es zu hoch besungen,
Retterin des Gatten zu sein.

FLORESTAN
Deine Treu' erhielt mein Leben,
Tugend schreckt den Bösewicht.

LEONORE
Liebe führte mein Bestreben,
wahre Liebe fürchtet nicht.

CHOR
Preist mit hoher Freude Glut,
Leonorens edlen Mut.

FLORESTAN, MARZELLINE, JAQUINO,
ROCCO, FERNANDO, CHOR
Wer ein holdes Weib errungen,
stimm in unsern Jubel ein,
nie, wird es zu hoch besungen,
Retterin des Gatten zu sein.




Akt I
Akt II
Akt III

HTML by H. Weber, July 2003